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Das Magazin für Dienstleistung, Unterhaltung und Shopping im Girardet Haus.
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Die graphischen Betriebe W. Girardet

Aufstieg und Fall eines Traditionsunternehmens

Wilhelm Girardet, Buchbinder aus Lennep bei Remscheid, folgte dem Strom der Abenteurer, Hungerleider und visionäre, die hofften, im Essen der Gründerzeit ihr Glück zu machen. Sein Handwerk hatte er in des Vaters Werkstatt erlernt und dort auch die Meisterprüfung abgelegt. Weil aber der Bruder den väterlichen Betrieb übernahm, eröffnete Wilhelm sein eigenes Buchbinderei-Geschäft mit der Adresse Viehoferstraße Nr. 25 in Essen. Mit einem Inserat in der „Essener Zeitung“ kündigte Wilhelm Girardet am 12. August 1865 sein Wirken an. Der 27-jährige Buchbindermeister empfahl sich seiner zukünftigen Kundschaft in der „Anfertigung aller in dieses Fach einschlagenden Artikel, namentlich auch in Ledergalanterie-Arbeiten unter Zusicherung guter und billiger Bedienung.“ Er muss sein Versprechen gehalten haben, denn bald schon stand sein Geschäft in so gutem Ruf, dass er die Arbeit kaum mehr bewältigen konnte. Nebenbei führte er einen Papier- und Schreibwarenhandel, dem sich nach der Heirat seine Frau Elise mit großem Geschick widmete. Die erste Tiegeldruckpresse wurde angeschafft, mit der Wilhelm Girardet nun auch einfache Druckaufträge erledigen konnte. Kaum war aus der Buchbinderei eine Druckerei geworden, sann der ehrgeizige, phantasiebegabte Jungunternehmer auf neue Nutzungsmöglichkeiten. Er fand sie in der Herstellung hauseigener Fachblätter, die er mit dem „Anzeiger für Berg- Hütten- und Maschinenwesen“ begann. Der Buchbinder Wilhelm Girardet entwickelte sich zum einflussreichen Verleger, der auch die Geschicke Essens mehr und mehr mitbestimmte. Seit 1892 gehörte er der Stadtverordnetenversammlung an, die alle für das Gemeinwesen wichtigen Entscheidungen traf. Das Großzügig geplante Haus an der Rottstraße 57 erwies sich schnell schon wieder als zu klein, und Wilhelm Girardet entschloss sich endlich zur Trennung der Wohn- und Betriebsgebäude. Für die Familie, in der fünf Kinder heranwuchsen, baute er ein Haus in der Kettwiger Chaussee, der heutigen Hyssenallee, am Stadtgarten. Den Betrieb verlegte Girardet 1895/96 nach Rüttenscheid, das damals noch ein Vorort von Essen war. Die qualmende, fauchende, überquellende Stadt selbst, eingezwängt zwischen Krupp-Fabriken im Westen und einer Zechen-Kette im Osten, bot für ein Unternehmen Girardet´scher Größenordnung keinen Entfaltungsraum mehr. Essen wurde 1896 Großstadt, das heißt 100.000 Menschen leben jetzt auf demselben Areal, das sich 80 Jahre früher noch 4.700 Bürger geteilt hatten. Im Jahr 1906 übergab Wilhelm Girardet – 68jährig – seinem ältesten Sohn Wilhelm die Leitung des Betriebes. Bevor er sich ins Privatleben zurückzog, würdigte Kaiser Wilhelm II., der anlässlich der Hochzeit Berta Krupps mit Gustav von Bohlen und Halbach in Essen weilte, sein Lebenswerk, indem er ihm den Kommerzienrats-Titel verlieh. Wilhelm Girardet III. trat ein leichtes Erbe an. Neben den florierenden Betrieb hatte er auch das unternehmerische Talent vom Vater, so dass er den Leistungsumfang wie auch die Druck- und Verlagsgebäude immer weiter ausbauen konnte. Selbst die Papierknappheit und die Umsatzeinbrüche im ersten Weltkrieg haben das solide Fundament nicht ernsthaft erschüttern können. Schwerer machten der Firma die Weltwirtschaftskrise 1930/31, die Gleichschaltung der Presse durch die Nationalsozialisten und die Bomben des zweiten Weltkrieges zu schaffen. Trotz alle dem hatte Girardet das Überleben des Betriebes zu sichern gewusst. Während der Inflation druckte man Reichsbanknoten, im Krieg Kalender und Kochrezepte, gleich nach dem Krieg – in halbzerstörten Gebäuden – Lebensmittelkarten und später technische Fachbücher und Zeitschriften. Der Wiederaufbau war mühevoll, vom Ringen um Lizenzen behindert, aber letzen Endes zukunftsgewiss. Bewerkstelligt haben ihn in der Hauptsache die Söhne Wilhelm Girardets III. 1949 übernahm Dr. Wilhelm Girardet die Leitung der Druckerei und der Verwaltung, Dr. Herbert Girardet die Leitung des Fachzeitschriften- und des Buchverlages. Sie führten die Firma zum Zenit ihres Erfolges. Im 100. Jahr ihres Bestehens – 1965 – beschäftigte sie 2.700 Menschen. Die Gerswidastraße, an der das Unternehmen lag, wurde aus Anlass des Jubiläums in Girardetstrasse umbenannt. Ende der siebziger Jahre hatten sich die graphischen Betriebe w. Girardet zu einer der bedeutendsten Druckereien der Bundesrepublik emporgearbeitet. Aber dann gingen der Firma nach und nach mehrere Großaufträge verloren. Den Umsatzeinbußungen folgten Entlassungen und Kapazitätsverringerung. Darunter litt jedoch in keiner Weise die hervorragende Qualität der Arbeit. Noch im Mai 1988 nahm Dr. Wilhelm Girardet als Geschäftsführer des Unternehmens den europäischen Tiefdruckpreis für die beste Werbedrucksache entgegen. Eine international besetzte Jury hatte 75 Einsendungen von 20 führenden Tiefdruckereien aus acht europäischen Ländern bewertet. Vier Wochen später – am 20. Juni 1988 – stellte die Geschäftsführung beim Amtsgericht Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens wegen „Liquiditätsengpasses“. 750 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsplätze und die Stadt Essen ein Vorbild unternehmerischer Familientradition.
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